Flowers in Gods Garden - Articles
09/10/03 - Lieber Mörder
Von Ralph Pöhner
FACTS


Wie sich ein englischer Ex-Gangster bei Vergewaltigern und Serienmördern mit Briefen einschmeichelt. Und sie dann dazu bringt, ihre Verbrechen zu gestehen.
Von Ralph Pöhner

Mit dem Pick-up-Truck kommt Laurna-Jane Stevens angefahren, reisst einen Stopp und brüllt über die Strasse: «Einsteigen!» Drückt den ersten Gang ins Getriebe, fährt los, greift gleich wieder zum piepsenden Handy: «Bullocks!», ruft Laurna-Jane ins Gerät, «du hast nicht geliefert, eine zweite Chance gibts nicht.» Packt einem die Hand, brummelt «Hello!», und wieder schellt das Mobiltelefon. «Jetzt kriegst du dann ein Problem», antwortet Laurna-Jane im dunkel rollenden Ton von Englands Arbeiterklasse, «a prubblem».

Doch, diese Laurna-Jane Stevens sieht auch so aus, wie sie redet: Stiernacken, einen Brustkorb wie ein Bierfass und Arme, die dicker sind als die Oberschenkel mancher Frau. Zart wirkt da nichts. Denn dieses Girl ist ein Kerl. Ein Brocken. Laurna-Jane Stevens heisst in Wirklichkeit Bernard O’Mahoney und betreibt einen Fuhrbetrieb in der Stadt Peterborough, eine Fahrstunde nördlich von London. Abends dann setzt sich der Brocken manchmal hin, schreibt süsse Brieflein an Häftlinge, flötet von «hugs», «kisses», «love» et cetera und signiert als Frau. Zum Beispiel als Laurna-Jane Stevens. Die Ballettlehrerin mit braunem Haar spielte er für einen menschenfremden Brillenträger namens Shaun Anthony Armstrong, heute 39. Der sitzt im Gefängnis von Durham. Lebenslänglich.

Was allerhand mit Laurna-Jane zu tun hat. Armstrong wurde 1995 verhaftet. Die Polizei verdächtigte ihn, die dreijährige Rosie Palmer vergewaltigt und ermordet zu haben. In seiner Wohnung hatten Detektive die blutigen Kleider des Kindes gefunden. Mit heulendem Pathos walzte die Boulevardpresse Rosies Schicksal aus, vorverurteilte sie Armstrong, schrieb sie ihn zum Monster hoch. Da verfasste O’Mahoney einen ersten Brief, adressierte ihn an den Untersuchungshäftling und legte ihm eine Fotografie bei, die irgendeine heiratswillige Osteuropäerin mit braunem Haar zeigte. Für sie, schrieb er als Laurna-Jane Stevens, bleibe Armstrong unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen sei.

Das genügte. Hemmungslos trudelte der Mörder in eine Spirale der Zärtlichkeiten, 80 Briefe hin, 80 zurück. «Was schickst du mir zum Valentinstag?», träumte er bald. «Ich vermisse dich so sehr», greinte er. «Schreib mir bald, okay?», bettelte er. Und dann, nach über einem Jahr, machte er seiner Seele Luft: «Ja, ich bin verantwortlich für meine Tat.» Die Beweislage war da schon klar, doch Armstrong hatte zuvor den Psychopathen gespielt, um im Prozess auf Totschlag statt Mord zu plädieren. Nun schrieb er Laurna-Jane, er sei «mental und physisch fit», die Zusammenbrüche im Gefängnis habe er vorgetäuscht – und verschwörerisch bat er seine «little principessa»: «But please don’t tell.» Sag es bitte keinem.

Und ob die Principessa das tat. Vor Prozessbeginn liess O’Mahoney den Belastungsbrief dem Staatsanwalt zukommen, der legte ihn vor, und die Verhandlung vor dem Krongericht Leeds wurde zu einer kurzen Sache. Armstrong gestand gleich selber die volle Schuld ein, das Urteil erfolgte fast zwangsläufig: lebenslänglich. «Ich weiss, was in den Kerlen vorgeht, ich war selber oft genug im Knast», sagt O’Mahoney. «Da bist du völlig allein. Wenn dir dann jemand die Hand reicht, fragst du nicht lange. Du greifst zu.»

O’Mahoney hatte dem Mörder einen Lichtstrahl in die Zelle gesandt – und dann einen Faustschlag hinterhergejagt. Er hat Erfahrung darin. An die tausend Briefe wechselte er in den letzten zwölf Jahren mit Kinder-, Frauen- und Serienmördern, teils im Wunsch, der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen, teils auch im Sold der Presse. Armstrong war der Erste, der zurückschlug: Er verklagte O’Mahoney, forderte 40'000 Franken Entschädigung, verlangte seine Briefe zurück, wollte jegliche Veröffentlichung verbieten. Vor einigen Monaten wies der High Court in Liverpool den Antrag ab, und Anfang nächsten Jahres will O’Mahoney zwei Bücher vorlegen. Im einen wird er seine Briefwechsel mit diversen Mördern ausbreiten. Im anderen rechnet er ab mit seiner eigenen Vergangenheit als Gangster.

«Der Staat hat Armstrong einen Anwalt finanziert.» Er schüttelt den Kopf. «Ich musste mich selber verteidigen, weil ich mir keinen leisten kann.» O’Mahoney nimmt einen Schluck von seiner Limonade. Der Mann birgt einen Widerspruch mit innerer Logik. Er ist ein ehemaliger Knacki, der die Justiz hasst. Doch er hilft ihr. Denn er kennt sie. Darum weiss er, wie schlecht sie funktioniert. «Gesetze sind geschriebene Sätze. Papierzeugs. Menschengemacht.» Er sitzt in einem familienfreundlichen Pub am Rand seines Städtchens, neben sich dudelnde Spielautomaten und ein paar Ladys beim Lunch. «Gerechtigkeit gibts nicht.» Steile Falten an der Nasenwurzel drücken ihm einen argwöhnischen Zug ins Gesicht, «alles Mist», scheint er immerzu zu denken, «bullocks», sagt er in jedem fünften oder sechsten Satz. «Wenn ein Kerl wie Armstrong einen liberalen Richter kriegt, verdammt, dann kann er bald wieder draussen sein.» Fünfzehnmal wurde O’Mahoney selber festgenommen, erstmals mit vierzehn, letztmals vor vier Wochen, als er wieder mal in eine Rauferei geriet; knapp zwei Jahre sass er hinter Her Majesty’s Gittern. «Aber mich befriedigt es, wenn so ein Kerl für immer weggesperrt wird.»

Weggesperrt. Eingesperrt. Ausgegrenzt. Er entstammt selber Verhältnissen, die geradewegs auf die schiefe Bahn führen sollten: Körperverletzung, Raub, Waffenbesitz. Aufgewachsen in einer Vorstadt Londons, der Vater dauerarbeitslos, «dieser Schwanz». Er soff der Mutter das Geld weg, prügelte die Kinder. In den Siebzigern fand Bernard eine Ersatzheimat in der Fankurve des FC Millwall, was ihm ein paar Festnahmen wegen Hooliganismus eintrug, dann schlug er sich durch mit Strassenraub und Hehlerei. In den Achtzigern und Neunzigern stieg er auf in einer Organisation, die im Umland Londons wirkte und sich The Essex Firm nannte.

Es war eine jener etwas altmodischen britischen Gangs, die in einem bestimmten Gebiet die Hehlerei, Nachtklubs und das Geschäft mit weichen und halbweichen Drogen kontrollieren. Organisiertes Verbrechen, organisiert freilich von Männern, die hinter ihren aggressiven Posen, ihren Lederjacken und Tätowierungen so etwas wie kleinbürgerliche Ordungsideale hegen: Lieber prügeln als schiessen. Reihenhaus, Frau, Kinder. Langhaarige sind Wichser. Und Triebtäter, Kindermörder, Vergewaltiger sind der allerletzte Dreck. «Ich sage nicht, was Gangster mit diesen Kerlen anstellen würden», sagt der Ex-Gangster. «Man kann es nicht beschreiben.»

Intensiv wandte er sich «diesen Kerlen» zu, nachdem er mit den Gangs abgeschlossen hatte. Ende 1995 kollabierte im Klub «Raquel’s» nahe London ein Mädchen. Sie hiess Leah Betts, hatte in der Disco ihren 18. Geburtstag gefeiert und wurde jetzt als Englands erste Ecstasy-Tote durch die Medien geschleift. Das «Raquel’s» stand eh schon im Ruf einer Drogenhöhle; Leah hatte den Stoff da gekauft; und O’Mahoney war der Sicherheitschef des Ladens. Er und seine Partner kamen unter massiven Polizeidruck. Als kurz darauf noch zwei Gangkollegen bei einem fehlgelaufenen Grossdeal erschossen wurden, war er reif für den Abgang. Wenn er leben wollte, musste er neu starten.

Erste Erfahrungen als Brieffreund hatte er da schon gemacht. Der Anstoss kam 1991 von Gary Jones, einem Journalisten des Boulevardblatts «News of the World». Polizeireporter Jones wusste um O’Mahoneys Knasterfahrung, und er benutzte ihn, um eine unvergessene Figur aus Englands Kriminalgeschichte neu zu durchleuchten: Peter Sutcliffe, den «Yorkshire Ripper». Zwischen 1975 und 1981 hatte Sutcliffe dreizehn Frauen ermordet. Nun, ein Jahrzehnt später, wollte Jones mittels O’Mahoney herausfinden, was aus diesem Mann im Gefängnis geworden war. Im ersten Brief stilisierte sich O’Mahoney zu einer kurvigen Blondine mit explosivem Namen: Belinda Cannon. Für einen Triebtäter wie Sutcliffe, dem seit Jahren nur Hass, Hass, Hass entgegengeschlagen war, hätten auch weniger Reize genügt – dies spürte O’Mahoney nun zum ersten Mal. Ein paar nette Worte, etwas Sülze, und zurück kam entfesseltes Zutrauen. «Deine Fragen stören mich nicht», schrieb Sutcliffe bald an seine «dearest Belinda», «denn ich weiss, dass sie ehrlich sind.» Sie waren es nicht. Wenig später breitete Jones’ Blatt den Briefwechsel aus, und England grinste über einen Killer, der einem baumlangen Kerl «saftige Küsse» zusandte. Es schüttelte den Kopf ob eines Monsters, das so gutmenschliche Sätze hinschreibt wie: «Ich verabscheue die Ausbeutung von Menschen aus Gier. Unsere heutige Gesellschaft ist schwer krank.»

Kurz darauf öffnete O’Mahoney das Herz von Richard Blenkey, damals 33. Blenkey stand im Verdacht, einen siebenjährigen Buben ermordet zu haben, wehrte sich jedoch. Ihm schrieb O’Mahoney als Mann. Nach einigen Monaten besuchte er ihn auch in der U-Haft, aber es war schliesslich ein Brief, in dem Blenkey dem vermeintlichen Freund seine Schuld gestand. «Keine Ahnung, warum», sagt O’Mahoney, «aber im Gespräch passen sie besser auf.» Der Ankläger benutzte den Brief, und damit war es O’Mahoney erstmals gelungen, prozessfähiges Material zu provozieren – eine Rolle, die ihm seither zwiespältig ausgelegt wird: halb dubios, halb nützlich. Der liberale «Guardian» nannte ihn einmal den Judas der Presse. In einem weiteren Fall verwendete der Ankläger sein Material, bezeichnete die Methoden aber als «niedrigen Trick». Der Richter folgte ihm, fällte das Urteil mit Hilfe der Briefe und nannte sie «unanständig».

«Mir egal. Das Establishment ist gegen mich, Justiz, Medien, alle. I don’t give a shit.» Erstmals grinst O’Mahoney entspannt. «Cappuccino schlürfende Affen.»

Der Fall ereignete sich vor drei Jahren. Er drehte sich um den «Nagelbomber von Soho». Getrieben von rechtsradikalen Ressentiments hatte der Ingenieur David Copeland London mit drei Bomben erschüttert, 129 Menschen verletzt, drei getötet. Ähnlich wie Shaun Armstrong wollte Copeland nach der Verhaftung den Durchgedrehten mimen. «Du musst den Kerlen einen stimmigen Charakter liefern», weiss O’Mahoney; und als stimmige Figur schuf er diesmal die etwas einsame, sehr englische Sekretärin Patsy Scanlon. Mit ihren Briefen heizte «Patsy» Copelands Hass an, etwa indem sie erzählte, wie ein Pakistaner sie belästigt hatte. Das brachte den Häftling dazu, sich aufzuplustern – der einsame Verbitterte gab sich brieflich als ganzer Kerl. «Dieser Ort ist ein Witz», schrieb Copeland aus der Haft, «die Ärzte hier sind es auch. Sie glauben, sie seien schlau, aber sie sind so dumm wie die anderen Idioten hier drin.» Beim Prozess vor dem Kriminalgericht Old Bailey konnte Ankläger Nigel Sweeney eine handgeschriebene Briefbeige schwenken: Hier gebe es nichts, was auf ein Krankheitsbild deute. Copeland fasste sechsmal «lebenslänglich».

Wieder einmal hatte die Randfigur dem «system», wie er es nennt, ein bisschen nachgeholfen. «Nur für mich», sagt Bernard O’Mahoney. «Die sind weggeschlossen, ich bin happy. Ganz einfach.»

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