Flowers in Gods Garden Articles
17/04/03 - POST MORTEM (German)
Von Andreas Beerlage
Süddeutsche Zeitung Magazin


Bernard O'Mahoney hat sich mit mehr als tausend falschen Liebesbriefen ins Herz von Kindermördern geschrieben. Und ihnen so die entscheidenden Geständnisse entlockt.

IM APRIL 1999 SCHOCKEN DIE ENGLISCHEN Medien ihr Publikum mit dem Röntgenbild vom Schädel eines Babys, in dem ein zehn Zentimeter langer Zimmermannsnagel steckt. Der Säugling und weitere 49 Menschen sind bei einem Bombenanschlag im Londoner Immigrantenviertel Brixton verletzt worden. Ab jetzt regiert Angst die Straßen der britischen Hauptstadt, ein Nagelbomber geht um.

In Peterborough, eine Stunde nördlich von London, sieht Bernard O'Mahoney das Röntgenbild und fasst einen geheimen Entschluss: Wenn Kinder zu Opfern werden, dann ist es Zeit zu handeln. Tage später detoniert die zweite Bombe in einem Viertel in London, wo vor allem Bangladescher leben.

13 Menschen werden verletzt. Dann geht die letzte und schlimmste hoch, in einer Schwulenbar in Soho: drei Tote, darunter eine Schwangere, und mehr als siebzig zum Teil schwer Verletzte. Bald darauf wird der Nagelbomber, David Copeland, verhaftet. Er gesteht rasch. Noch am selben Tag greift Patsy Scanion, eine junge Frau, so beschreibt sie sich, zu Stift und Papier.

Sie schickt Copeland einen langen Brief, voller Anteilnahme für sein Schicksal als politischer Gefangener, gezeichnet: »Kiss: Patsy X.« Ein leidenschaftlicher Briefwechsel beginnt, Patsy nennt Copeland »my little soldier«, schon bald ist er »verrückt« nach ihr, denkt »Tag und Nacht« an sie.

Weihnachten 99 steht vor der Tür, er schreibt: »Ich schenke dir eine schöne Uhr ticktack ticktack, etwas, das dich an mich denken lässt.« An Patsy gibt es einen Haken. Sie ist nicht Patsy. Hinter dem Pseudonym versteckt sich Bernard O'Mahoney, der Mann mit dem geheimen Entschluss.

Seit 1991 hat er sich mit mehr als tausend Briefen ins Herz von Frauenkillern und Kindermördern geschrieben und ihnen Geständnisse entlockt, dreimal wurden daraufhin verschärfte Strafen ausgesprochen.

»Ich werde wütend, wenn Kindern etwas passiert«, sagt Bernard O'Mahoney, »als ich das Bild mit dem zehn Zentimeter langen Nagel im Schädel des Babys sah, da musste ich etwas tun.« Der massige Mann mit kurz geschorenen Haaren und durchdringendem Blick sitzt in der Bar des »Bull«Hotels in Peterborough, nippt an einer Tasse Tee.

In seinem Prozess wollte David Copeland auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren. In seinen Briefen an die vermeintliche Patsy machte er sich über die Ärzte lustig, die ihn untersuchten »reinste Verrückte« , und er war siegesgewiss. Doch am ersten Tag der Verhandlung im Juni 2000 tauchte plötzlich seine gesamte Korrespondenz mit Patsy im Gericht auf und selbst der von den Verteidigern Copelands berufene psychologische Gutachter Andrew Payne gab nach der Lektüre zu:

»Hier finden sich keinerlei Anzeichen einer Geisteskrankheit.« Als das Urteil am 30. Juni 2000 gesprochen wurde, saßen etliche von Copelands Opfern im Saal, zu erkennen an den Amputationen unterschiedlichster Körperteile. Der Nagelbomber bekam sechsmal »lebenslänglich«. »Der Richter nannte mich einen schäbigen Betrüger, der Staatsanwalt sprach von einem fiesen Trick.

Aber ohne die Briefe wäre Copeland in die Psychiatrie eingewiesen und irgendwann vielleicht sogar auf freien Fuß gesetzt worden. Er war nichts als ein Verbrecher«, sagt Bernard O'Mahoney, der Briefeschreiber, und bellt ein kurzes, druckvolles Lachen. Er trägt eine dunkle Lederjacke, ein schwarzes Poloshirt, Jeans und kräftige Straßenschuhe.

Seine Körpersprache beschränkt sich auf das Reiben der massigen Hände, zwischen die man nicht geraten möchte. Einmal, in einem Streit, haben sie mit einem kräftigen Schlag eine Machete in den Hinterkopf eines Mannes getrieben. Bernard ist früher selbst ein Krimineller gewesen, sein Strafregister ist länger als seine ausgestreckten tätowierten Arme, er hat Raubüberfälle begangen und eine schwere Körperverletzung.

Als junger Mann war er ein prügelnder NeonaziHooligan. »Ich habe dieselbe Scheiße gekaut wie Copeland. Aber er hat sie geschluckt«, sagt er. O'Mahoneys Vater war ein Säufer, die Mutter rackerte sich durch drei Jobs, Ehemann Patrick zog ihr den Lohn aus der Tasche und trug ihn in das nächste Pub. Fast jeden Abend schlug er die Frau und seine vier Söhne.

Als Bernard zwölf war, schrie er seinem Vater ins Gesicht: »Ich wünschte, du wärst tot.« Dafür bekam er, nach einem harten Schlag ins Gesicht am Boden liegend, noch eine Serie Tritte in den Rücken. Schließlich spürte er seine Beine nicht mehr. Der Vater ließ von ihm ab, unter dem Bandscheibenschaden leidet Bernard noch heute: »Ich hatte eine schlimme Kindheit.

Deshalb bin ich so empfindlich, wenn es um Kinder geht.« Bernard war ein schlechter Schüler, einer, der sich ständig prügelte. Eines Tages stand er wegen »Fluchens in der Öffentlichkeit« vor Gericht. Sein Vater entschuldigte sich dafür vor dem Richter. Der sprach eine Geldstrafe aus. »Ist das Gerechtigkeit?«, fragte Bernard sich. Der Vater prügelte weiter, Bernard wanderte nach der 13.

Verurteilung wegen immer schlimmerer Taten schließlich in den Knast: »Da hatte das Gefängnis seinen Schrecken für mich verloren. Alle meine Freunde waren schon drin gewesen.« Auch seine beiden älteren Brüder wurden später wegen schwerer Körperverletzung zu Haftstrafen verurteilt. Ende der achtziger Jahre, Bernard schlug sich als Dieb und Hehler durch, wurde in seiner Nachbarschaft der zehnjährige Jimmy Fallon angefahren.

Der Fahrer verschwand, der Körper des Jungen war zerschmettert, er hing am Atemgerät und die Mutter konnte das Geld für die RehaBehandlung nicht aufbringen. Bernard musste etwas tun, um seine Wut auf den Fahrer in den Griff zu bekommen. Er organisierte eine BenefizAuktion, schrieb mehr als hundert Prominenten Briefe. Bono von U2, die Rolling Stones und The Who schickten signierte Devotionalien.

Und er bekam einen freundlichen Brief aus der psychologischen Abteilung des Gefängnisses von Broadmoor, Absender: Ronnie Kray. Der und sein Bruder Reggie waren die bekanntesten Verbrecher im England der sechziger und siebziger Jahre, Sie gelten neben dem Posträuber Ronald Biggs als VerbrecherPopstars, ihr Leben wurden verfilmt.

Als Reggie vor zweieinhalb Jahren starb, kamen Tausende von Menschen zu seiner Beerdigung. Ronnie saß lebenslänglich wegen dreifachen Mordes, wurde wegen paranoider Schizophrenie behandelt. Bernard besuchte ihn regelmäßig, das bekam ein Reporter von News of the World mit, ein Mann namens Gary Jones. In Broadmoor saß auch der »Yorkshire Ripper«, Peter Sutcliffe, der zwischen 1975 und 1981 13 Frauen umgebracht hatte.

Wie es einem wie Peter Sutcliffe nach zehn Jahren Haft geht, was er über seine Verbrechen denkt, das interessierte Gary Jones. Er sagte zu Bernard: »Schreib ihm doch ein paar Briefe, am besten gibst du dich als Frau aus. Wenn er weiß, dass du Haare am Arsch hast, wird er sich nicht für dich interessieren.«

DAS WAR BERNARDS ERSTER AUFTRITT als Briefe schreibende Frau, als Belinda Cannon: »Es war erschreckend, wie schnell ich sein Vertrauen gewann, nur weil ich angeblich eine Frau war und mich für ihn interessierte.« Dann kam der 33jährige Richard Blenkey in die Schlagzeilen. Er hatte 1991 einen siebenjährigen Jungen vergewaltigt und umgebracht.

Während der Verhöre bestritt er die Tat. Bernard wollte ihn zur Strecke bringen: »Ich schrieb ihm als Mann, weil er sich offensichtlich für Jungen interessierte.« Im 36. Brief gestand Blenkey die Tat. Dieser Brief wurde als Beweismittel anerkannt, die ursprünglich auf eine Woche angesetzte Verhandlung war nach einer Stunde vorbei: lebenslänglich (auch in Deutschland ist diese Art, neue Beweise in einen Prozess zu bringen, grundsätzlich möglich).

Anfang der neunziger Jahre war O'Mahoney auch auf dem Höhepunkt seiner Gangsterkarriere angelangt: Er betrieb zusammen mit seinem Freund Tony Tucker, einem Großdealer, die Disco »Raquels« in Basildon, ein Zentrum des EcstasyHandels in jener Zeit. Tonys und Bernards Mafia kontrollierten große Teile der Nachtclubszene in London und im Nordosten Englands, Bernard arbeitete zusätzlich als Schuldeneintreiber.

Als Sicherheitschef des »Raquels« bekam er Bestechungsgelder von den kleinen Dealern, eine schöne Einnahmequelle. Gute Freunde, viel Geld, eine Freundin und zwei kleine Jungs das Leben des Bernard O'Mahoney war gut. Doch Mitte November 1995 stirbt die 18jährige Leah Betts nach einem Besuch im »Raquels« an einer Überdosis Ecstasy.

Kurz darauf werden drei von Bernards Freunden, die mit ihrer Drogenmafia London und den Südosten des Landes beherrschen, in ihrem Range Rover erschossen. Bernard beschließt, sein Leben zu ändern, und versucht, der Polizei bei der Aufklärung im Fall Leah Bett zu helfen. Noch kurz zuvor schrieb er Shaun Anthony Armstrong, der in Hartlepool ein dreijähriges Mädchen aus der Nachbarschaft verge waltigt hatte. Armstrongs Hund griff das Mädchen an, das sich wehrte, und biss es zu Tode.

Bernard schlüpft in die Rolle von LaurnaJane Stevens, einer Tanzlehrerin aus London mit kastanienbraunem Haar. Er wundert sich nicht mehr, wie schnell der Kontakt geknüpft ist: »Wer ein Kind umgebracht hat, ist allein in der Welt, alle hassen ihn. Dann wird aus dem Dunkel eine Hand gereicht.« Laurna schreibt im ersten Brief, sie halte ihn so lange für unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen sei: Kopf hoch! Shaun verliebt sich schnell.

Briefe enden mit Gedichten, mit glühenden Bekenntnissen: »Liebe dich, umarme dich, küsse dich. In Lust und Liebe. Shaun.« Gleichzeitig gesteht er, nebenbei, den Mord: »Du verdienst die Wahrheit: Ja, ich habe das Verbrechen begangen, für das ich angeklagt bin.« Aber noch sei nicht alles verloren, er will auf Schuldunfähigkeit plädieren, obwohl er sich für völlig gesund hält: »Mental und physisch bin ich fit wie ein Turnschuh!« Als der Prozess am Leeds Crown Court im Juli 1995 eröffnet wird, bekommt der Staatsanwalt James Spencer von einem Polizeibeamten die Briefe ausgehändigt.

Er liest, gibt sie weiter an Armstrongs Verteidiger. Der Kindermörder gesteht seine volle Schuld und bekommt »lebenslänglich«. Zurückblickend auf die tausend Briefe und seine 15 Brieffreunde hat Bernard ein Schema: »Nach der Verhaftung sind alle allein, verstört, verletzlich. Das ist die Zeit für den ersten Brief. Dann kommen die Anwälte, sagen, alles sei nicht so schlimm. Die Angeklagten schöpfen Mut, machen Pläne für die Zukunft.

Naht der Prozess, kommen Zweifel auf. Das ist der richtige Zeitpunkt, um sie nach ihrer Schuld zu fragen.« Es sei auch leicht, eine schreibende Person zu erfinden: »Erst kommt der Name. In den ersten Briefen steht wenig Persönliches. Ich merke aber, worauf einer anspringt. Dann füge ich immer mehr Details hinzu, das passiert fast wie von selbst. Zum Schluss habe ich ohne große Anstrengung einen richtigen Menschen erfunden.« Fotos für die Briefe besorgte sich Bernard von Heiratsagenturen die Mörder verliebten sich in Bilder von Osteuropäerinnen.

SHAUN ARMSTRONG HAT BERNARD SPÄTER wegen Vertrauensbruchs verklagt und 15 000 Pfund Schmerzensgeld verlangt, rund 22 000 Euro. Armstrong verlor den Prozess und er konnte auch ein Buch über sich nicht verhindern, das Bernard in diesem Frühjahr veröffentlichen wird.

Es heißt Flowers in Gods Garden, nach dem Satz, den Shaun der angeblichen Laurna einschärfte: »Bitte, sag es niemandem, oder ich stecke tief in der Scheiße!« Das Buch fasst Bernards Korrespondenz mit Armstrong und anderen Kinderschändern zusammen. Die Einkünfte aus dem Verkauf des Buches will er einer Kinderschutzorganisation geben: »In den Briefen habe ich erkannt, dass Kinderschänder selbst Opfer sind.

Alle wurden missbraucht und sie schreiben selbst wie Kinder über ihre traumatischen Erlebnisse. Shaun Armstrongs Vater war sein Großvater, seine Mutter missbrauchte Shaun schon, als er noch ein kleiner Junge war. Armstrong ist kein Mörder, sondern ein Kranker.« Die englische Gesellschaft kenne keinen Weg, ihr Leiden zu erleichtern, bis es irgendwann zu spät sei: »Sie können es nicht ihren Freunden erzählen, auch nicht ihrem Doktor, weil er es melden muss.

« Pädophile Täter gehörten in medizinische Verwahrung, nicht in den Knast, sagt Bernard, »aber hier werden sie als Mörder verurteilt. Wenn sie früher entlassen werden, haben sie sich kein Stück geändert, niemand hat ihnen geholfen. Dann gibt es sehr wahrscheinlich neue Opfer.« Flowers in Gods Garden ist nicht Bernards erstes Buch.

Schreiben wurde seine Art, die verpfuschte Vergangenheit zu verstehen und aufzuarbeiten. Soldier of the Queen zum Beispiel handelt von seiner Zeit als englischer Soldat in Nordirland. Hier wurde ihm beigebracht, Menschen zu verachten, sagt er. Essex Boys beschreibt die Zeit vom Tod Leah Betts' und dem Mord an seinen Freunden, das Buch wurde mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt.

Die Schreiberei als Lebensanalyse war ein schmerzvoller Prozess, jetzt ist, nach sechs Büchern, Schluss damit: »Ich habe genug von dem alten Kram und will abheben, um irgendwo anders hinzukommen.

« Weihnachten hat er in Paris verbracht, dort um die Hand seiner Freundin angehalten. Fürchtet Bernard nicht die Rache der Männer, die er aufs Kreuz gelegt hat? »Nein«, sagt er, ohne zu zögern, während er den letzten Schluck Tee trinkt, »ich habe keine Angst vor Menschen mehr, dafür habe ich zu viel erlebt. Aber manchmal stelle ich mir vor, wie sie alle auf mich warten und ich sie wieder treffen werde, unten in der Hölle.«
Contact : bernard.omahoney@bernardomahoney.com
Flowers in Gods Garden
- Synopsis
- Articles
- Video
Paul Pearson
- Articles
Rosie Palmer
- Articles
- Documents
Sophie Hook
- Articles
Sarah Payne
- Articles
- Photographs
- Video
Victoria Climbie
- Articles
Holly Wells and Jessica Chapman
- Articles
- Documents
- Audio
The Yorkshire Ripper
- Articles
- Audio

- Video

Jump to..

Search Site



Latest Books
Essex Boys, The New Generation
Essex Boys, The New Generation
May 2008


Wild Thing: The True Story of Britain's One and Only Guvnor
Wild Thing: The True Story of Britain's One and Only Guvnor
by Lew Yates
Out Now


Bonded by Blood
Bonded by Blood
Bernard O'Mahoney with Simon Hills
Out Now




Advertisement